4.3 Die Bibel als Grundlage

4.3.1 Bedeutung und Entstehung

Die Bibel ist für jede christliche Kirche das zentrale Schriftwerk. Sie wird als Urkunde der göttlichen Offenbarung und verbindlich für Glauben und Lehre angesehen. Allerdings ist die Bibel kein einheitliches, homogenes Werk. Die jüdische Bibel (das Alte Testament) ist über einen Zeitraum von etwa tausend Jahren entstanden und wurde erst im 2. Jahrhundert nach Christus abgeschlossen. Der christliche Teil (das Neue Testament) ist zum großen Teil im 1. Jahrhundert entstanden, wurde Ende des 2. Jahrhunderts im Wesentlichen abgeschlossen und im 4. Jahrhundert von der christlichen Kirche einheitlich anerkannt1). Man geht davon aus, dass Jesus selbst die Thora (auch: Tora), die fünf Bücher Mose, nicht in heutiger Form zur Verfügung standen2).

Aufgrund ihrer Geschichte ist es schwierig zu sagen, was die verbindliche Bibel sein soll. Für die Neuapostolische Kirche ist im deutschsprachigen Raum die Lutherbibel in der Revision von 1984 verbindlich (vor 2001 war es die Fassung von 1912). Doch dabei handelt es sich um eine Übersetzung der hebräischen und griechischen Originalschriften. Die Originale selbst sind nicht mehr verfügbar, nur eine Fülle von teilweise unterschiedlichen Handschriften. Der Urtext3) konnte nicht mit Gewissheit aus den Handschriften rekonstruiert werden. Übersetzungen ihrerseits sind, wenn sie verständlich sein sollen, Interpretationen der Originale und können unmöglich immer korrekt wiedergeben, was die Autoren damit gemeint hatten.

Selbst wenn man eine „Urbibel„ rekonstruieren könnte und alle Bibelleser die alten Sprachen perfekt beherrschen würden, hätte man in vielen Fragen noch einen großen Interpretationsspielraum. Die Gleichnisse Jesu beispielsweise gelten auch in der historisch-kritischen Forschung als authentisch. Das Gleichnis vom untreuen Verwalter (Lk 16, 1-9) wird auch beim Vergleich verschiedener Übersetzungen nicht unbedingt verständlicher, und es ist letztlich unklar, was genau Jesus damit sagen wollte4).

In der Bibel stehen auf viele der heute wichtigen Fragen keine Antworten. Umweltschutz, Organtransplantationen, Abtreibungen, Gentechnik, Atomenergie, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Arbeitsmarktpolitik und vieles mehr sind Themen, zu denen die Bibel keine Lösung anbieten kann. Auch in geistlichen Fragen lässt uns die Bibel oftmals im Stich. Wir erfahren nicht genau, was man unter der Seele verstehen muss und ob oder wie sie nach dem Tod weiter lebt. Das Verhältnis Jesu zu Gott wird ein wenig unbefriedigend als Vater-Sohn-Verhältnis beschrieben, doch eine Trinität (Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit) lässt sich nicht zwingend daraus ableiten. Wie Jesus das Abendmahl verstanden haben wollte, welche Bestandteile von Brot und Wein sich in welcher Weise (oder auch nicht) verwandeln, was das Abendmahl bewirkt, bleibt mehr oder weniger unklar. Selbst der Tod Jesu und seine Auferstehung, das zentrale Heilsgeschehen, lässt einen großen Deutungsspielraum zu.

Man kann sagen, die Bibel eint und spaltet die Christenheit. Die Unterschiede in den Lehrauffassungen der Kirchen gehen zum großen Teil auf unterschiedliche Bibelinterpretationen zurück.

4.3.2 Bibelauslegung

„Zentrum der theologischen Hermeneutik [d. h. Bibelauslegung] und Ziel ihrer (exegetischen) Bemühungen ist die immer neue Übersetzung der biblischen (Sprach-)Wirklichkeit in die jeweilige (Sprach-)Wirklichkeit der Gegenwart unter Wahrung des unverkürzten Kerygmas [d. h. der Predigt über Jesus Christus], vollzogen in der christlichen Predigt.“5)

Die Schreiber der biblischen Bücher wandten sich stets an die Menschen ihrer damaligen Zeit. Um die Bibel für heutige Menschen nutzbar zu machen, ist ein gewisses Maß an Interpretation erforderlich, d. h. man muss die Bibel auslegen.

Die moderne Theologie möchte die Qualität dieser „Übersetzung„ (d. h. der Exegese) mit Hilfe wissenschaftlicher Prinzipien sicherstellen. Gute Bibelkenntnisse genügen nicht - auch Kenntnisse (wenigstens Grundkenntnisse) in Geschichtswissenschaft, Psychologie, Soziologie oder Pädagogik sind notwendig. Die Leben-Jesu-Forschung untersuchte beispielsweise die Frage, ob sich das Leben Jesu anhand der neutestamentlichen Schriften rekonstruieren lässt und kam dabei zu Ergebnissen, die in manchen Punkten der kirchlichen Tradition widersprechen6).

Die NAK möchte die Qualität der Exegese bewusst nicht nach wissenschaftlichen Prinzipien sicherstellen, sondern durch das im Apostelamt liegende Vermögen: Es ist zwar allein der Heilige Geist, der „den rechten Aufschluss über Gottes Willen … geben“ kann, doch sind die Apostel7) mit ihrem aus ihm kommenden Amtsvermögen „befähigt, die Absichten Gottes zu verstehen, sie den Gläubigen mitzuteilen und die ihnen nachfolgenden dem göttlichen Willen entsprechend an das Ziel des Glaubens zu führen„8). Das Wort der neuapostolischen Predigt führt nicht nur über die Erkenntnisse der Wissenschaft hinaus, sondern steht in einem unaufhebbaren Gegensatz. So schrieb die Redaktion von Unsere Familie 2002 in einem Artikel über Bibelausgaben:

Das Wort der Wissenschaft ist kein absolutes, kein heilbringendes und tröstendes Wort, es ist kein Wort des Lebens; es hilft lediglich, Zusammenhänge in biblischen Schriften und Lebensumstände biblischer Personen und Gruppen besser zu verstehen. Es unterliegt der Zeit, ist von daher fragwürdig und vergänglich. Worte des Lebens empfangen wir aus der Predigt, aus dem Apostelamt. Hier ist die Grenze menschlicher Meinung und Forschung.9)

Nun ist zu untersuchen, ob die neuapostolische Bibelauslegung dem hohen Anspruch gerecht wird, zeitlose, unvergängliche göttliche Wahrheiten und Erkenntnisse zu erschließen. An mehreren Beispielen werde ich zeigen, dass die Kirche auf grundlegende Fragen nicht immer zeitlose, unvergängliche Antworten geben kann und manches, was früher richtig war und als Erkenntnis aus dem Heiligen Geist galt, heute nicht mehr gilt.

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Übersicht

1) Vergl. Brockhaus 2003, Artikel Bibel
2) Hubert Frankemölle in Der Jude Jesus und die Ursprünge des Christentums, S. 22 (Zitat unter Auslassung der von Frankemölle angegebenen Quellen): „Es ist daran zu erinnern, dass zwar die Tora des Mose allen Juden zur Zeit Jesu als absoluter, verbindlicher Gotteswille galt, gleichzeitig gilt es jedoch zu beachten: ‚Ihr Umfang war vor 70 n. Chr. noch umstritten, Qumran-Texte enthalten auch nicht-pentateuch[ische] Traditionen‘, wobei es außerdem zur Zeit des NT noch nicht einmal einen standardisierten hebräischen Text der Tora gab. Der Grund: Die Tora wird ständig aktualisiert, selbst gegen ihren schriftlich fixierten Text. ‚Die Tora war seit dem Sinai kein fest umrissenes und unbewegliches Stück Lehre. Sie war niemals der ein für alle Mal artikulierte Anruf.‘“
3) Eigentlich müsste man von den Urtexten reden.
4) Joachim Jeremias behandelt das Gleichnis in Die Gleichnisse Jesu. Pinchas Lapide kommt in seinem Buch Ist die Bibel richtig übersetzt? zu dem Schluss, dass Jesus den untreuen Verwalter nicht etwa lobt, sondern verdammt.
5) Brockhaus (2003), aus dem Artikel Hermeneutik.
6) Jesus habe durch seinen Tod kein Opfer im kultisch-rituellen Sinn gebracht und er habe damit auch keinen Plan Gottes erfüllt. Vergl. Klaus Berger, Wozu ist Jesus am Kreuz gestorben?
7) Der Stammapostel ist als Haupt der Apostel natürlich ebenfalls ein Apostel.
8) Zitate aus F&A 1992, Nr. 5, „Wer ist berufen und fähig, die Bibel auszulegen?“
9) Unsere Familie, 60. Jahrgang, Nummer 24, 20. Dezember 2000, S. 26-27: Artikel „Stuttgarter Erklärungsbibel“ und „Lutherbibel erklärt“. Zitiert nach http://waechterstimme.orgfree.com/bibbespr.html (mit einem Kommentar von Rudi Stiegelmeyr).
bibel.txt · Zuletzt geändert: 2009-12-13 09:53 von administrator
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