1. Zielgruppe und Anliegen

„Wir haben uns bemüht, alles vorliegende Material objektiv und ohne Beschönigung in diesen Bericht einzubauen. Das haben wir selbst dann getan, wenn durch die Wiedergabe von Schriftstücken der Anschein erweckt werden konnte, daß das Zitierte dem Prestige unserer Kirche abträglich sei. Dabei haben wir uns den Inhalt der Bibel, vornehmlich des Alten Testaments, zum Vorbild genommen. Dort sind alle Taten und die ganze, von den Propheten so oft verurteilte Haltung des alten Bundesvolkes, die nach unserer heutigen christlich-sittlichen und moralischen Auffassung manchmal tief beschämend waren, so daß man sie besser verschwiegen hätte, unverhüllt beschrieben. Allein diese untendenziöse Geschichtsschreibung im Alten Testament beweist ja den tiefen Wahrheitsgehalt der Heiligen Schrift und es war - bei allem diesbezüglichen Bestreben - bis heute noch keinem gottfeindlichen Geiste möglich, die Bibel aus der Literatur der Menschen zu verbannen.„

Apostel Karl Weinmann im Vorwort von 100 Jahre Neuapostolische Kirche, 1863-1963; herausgegeben im Jahre 1963 von der Verwaltung der Neuapostolischen Kirche in Hamburg

Dieses Buch ist in erster Linie für neuapostolische Christen geschrieben, darunter vor allem für diejenigen, die von ihrem Glauben fest überzeugt sind und sich vielleicht nicht so recht vorstellen können, Lehraussagen und Glaubensinhalte kritisch zu betrachten. Es soll dazu beitragen, verbreitete Vorurteile gegen Kritiker abzubauen und ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass Kritik nicht nur sinnvoll, sondern bisweilen sogar notwendig ist.

Wer bereits damit begonnen hat, sich kritisch mit der Lehre der Neuapostolischen Kirche (NAK) auseinander zu setzen, soll mit diesem Buch weitere Anregungen erhalten.

Wer sich als „Einsteiger“ für die NAK interessiert, soll mit Hilfe dieses Buches die NAK besser beurteilen und einschätzen können. Da hier jedoch eher die Probleme und Schwachpunkte der NAK betrachtet werden und das Buch in erster Linie für neuapostolische Leser geschrieben wurde, ist das hier vermittelte Bild zwangsläufig etwas einseitig; daher wäre es angebracht, weitere Informationen von Menschen in der NAK einzuholen.

Dieses Buch ist nicht nur für Gläubige, Zweifler und Kritiker geschrieben, die einen Bezug zur NAK haben, sondern auch für die Kirchenleitung. Es soll Anregungen geben, wie die NAK zu mehr Wahrhaftigkeit, Weite und Glaubwürdigkeit gelangen kann, die Schritte in Richtung Ökumene erst möglich machen1). Dieses Buch möge nicht nur zur Kenntnis, sondern zu Herzen genommen werden2).

Sich auf Kritik einzulassen ist zweifellos mit einem gewissen Risiko verbunden. Wenn es dabei um Religion oder um den Glauben geht, besteht die Gefahr, den Halt im Leben oder - schlimmer noch - das Seelenheil zu verlieren. Diejenigen, die in Kirchenkritik eine unnötige oder sogar gefährliche Belastung sehen, bitte ich, folgende Argumente zu bedenken, die dafür sprechen, sich trotzdem damit zu befassen:

  • Solidarität/Nächstenliebe: Kirche soll eine Solidargemeinschaft sein, in der Schwache (hier: Zweifler oder Kritiker) von Starken (Gläubigen) in Liebe getragen werden (vergl. Röm 15,1). Um das zu verwirklichen, ist vor allem ein grundlegendes Verständnis für den Anderen erforderlich.
  • Glaubensstärke: Glaube kann nur dann wirklich fest sein, wenn er gefordert wird - gerade auch im Dialog, in der Auseinandersetzung mit Kritik.
  • Eigenverantwortung: Unser Seelenheil ist viel zu kostbar, um die Verantwortung dafür an andere Menschen abzugeben. Jesus sprach einmal von blinden Blindenleitern3) (Mt 15,14). Wer möchte riskieren, von Blinden geführt zu werden? Letztlich wird gemäß christlicher Überzeugung (Röm 14,12) jeder persönlich vor Gott für sein Leben Rechenschaft ablegen müssen.
  • Erkenntnisgewinn: Die Kirche betrachtet ihre Kritiker eventuell in sehr einseitiger und eindimensionaler Weise, die von Misstrauen, Ablehnung, vielleicht sogar von einer gewissen Überheblichkeit geprägt ist4). Dadurch werden mögliche Verbesserungen im Umgang miteinander und im Ringen um Erkenntnis behindert, zudem verhärten sich die Fronten zwischen Kirche und Kritikern, was m. E. nicht im Sinne des Evangeliums sein kann.
  • Vorbereitung auf die Zukunft: Wer jemanden von seinem Glauben überzeugen möchte, sollte ein grundlegendes Verständnis für dessen Überzeugungen und Meinungen haben, weil nur so eine gemeinsame Grundlage geschaffen werden kann, auf der aufgebaut werden kann. Und wer sich auf das tausendjährige Friedensreich5) und das königliche Priestertum vorbereiten will, sollte sich gerade auch mit fremdem Gedankengut beschäftigen.

Bei alledem bleibt ein nicht unerhebliches Restrisiko. Ich möchte die grundlegenden Gefahren anhand einiger etwas plakativer Beispiele verdeutlichen und Möglichkeiten aufzeigen, Schäden zu vermeiden.

1. Es besteht die Möglichkeit, dass die Kritik sachlich nicht zutreffend ist, etwa weil ein Sachverhalt einseitig betrachtet oder verzerrt dargestellt wird, wichtige Informationen fehlen oder unterschlagen werden oder die Fakten falsch bewertet werden. Bezüglich unseres Themas könnte das heißen: Die Kirche ist grundsätzlich auf dem richtigen Weg und ihre Lehre ist die richtige, Kritik führt zu einer Beschädigung oder gar Zerstörung des Glaubens und schließlich zum Verlust des Seelenheils.

Gegen dieses Risiko kann man Maßnahmen ergreifen. Zunächst sollte die Kritik (natürlich auch die in diesem Buch) prinzipiell kritisch betrachtet werden, indem Behauptungen und Folgerungen überprüft werden. Fehlende Informationen können eventuell aus anderen Quellen (etwa im Gespräch mit Amtsträgern verschiedener Ebenen) beschafft werden. Nicht überprüfbare Behauptungen können getrost ignoriert werden; im Zweifelsfall hat die Kirche Recht6).

2. Die Kritik kann in ihren wesentlichen Punkten zutreffen und einer gewissenhaften Überprüfung standhalten. Die Wirkung ist zunächst die gleiche wie zuvor, nämlich die Beschädigung des Glaubens. Wenn dieser Glaube falsch war, stellt sich die Frage, was bleibt; oder mit anderen Worten: „Wenn dein Wort soll nicht mehr gelten, worauf soll der Glaube ruhn?„7)

Nun, wahrscheinlich muss jeder für sich selbst Antworten auf diese Frage finden. Ich persönlich bin überzeugt davon, dass es einen Gott gibt, der alle Menschen, ja sogar alle Wesen bedingungslos liebt und der eine auf Beständigkeit angelegte Beziehung zu uns unterhalten möchte. Für mich spielt es beispielsweise keine Rolle, ob der Tod Jesu von der frühen Christenheit als stellvertretender Sühnetod, priesterliches Opfer, Verdienst oder Loskauf (oder alles zusammen) gesehen wurde. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang der Gedanke, dass es Jesus als seine Aufgabe ansah, die frohe Botschaft von Gottes liebevoller Zuwendung in die Welt zu tragen, dass er diese Aufgabe bis zum bitteren Ende durchhielt und schließlich durch seine Auferweckung von Gott (vor seinen Jüngern) bestätigt wurde. Mit anderen Worten: es ist nicht vergeblich, die Liebe Gottes zu den Menschen zu tragen, auch wenn es manchmal so aussieht.

Viele Lehren, die heute oft so sehr im Mittelpunkt stehen, sind mit dieser Sichtweise unnötig, manche sogar hinderlich8), wenn es um die Verwirklichung des Evangeliums im persönlichen Leben und in der Kirche geht.

3. Die Kritik kann wie zuvor in den wesentlichen Punkten zutreffen, jedoch auf so starke innere Widerstände stoßen, dass sie aus irrationalen Gründen abgelehnt wird. Ein falscher Glaube würde beibehalten und man wäre vielleicht gerade dadurch von Gott getrennt. Angenommen der neuapostolische Glaube wäre falsch und der katholische Glaube richtig und ein Katholik würde mir dies so schlüssig darlegen, dass ich ihm objektiv gesehen zustimmen müsste. Wäre ich von meinem Glauben so eingenommen, dass nichts gegen diese innere Überzeugung ankommen könnte, würde ich einen großen Fehler machen. Denn es wäre z. B. die Sündenvergebung in den neuapostolischen Gottesdiensten wirkungslos, da nur katholische Priester die dazu notwendige Schlüsselgewalt hätten. Mein Seelenheil wäre ernsthaft in Gefahr.

Erschwert wird ein kritisches Nachdenken über Glaubensdinge durch eine Dämonisierung der Kritik von Seiten der Kirche. So schreibt Sylvia Kranefeld9): Das Einsetzen des kritischen Denkens wird mit der Einflussnahme des Teufels auf den Menschen erklärt, denn Kritik ist in der Neuapostolischen Kirche unerwünscht. Man könnte es auch anders ausdrücken: Wer kritisch über die Lehre der Neuapostolischen Kirche nachdenkt, das heißt, wer seinen Verstand einsetzt, statt kritiklos zu glauben und zu gehorchen, der ist vom Teufel besessen.“

Das ist für mich ein wichtiger Punkt: In vielen Diskussionen, in denen es um die Grundlagen unseres Lebens geht (wozu der Glaube sicherlich gehört), ist es schwer, gegen die inneren Überzeugungen anderer anzukommen, selbst die besten Argumente sind nicht gut genug. Doch ich glaube, wenn man bestimmte Grundsätze einhält, kann die Kritik ankommen und aus engen Denkstrukturen herausführen.

Für Gläubige (nicht nur in der NAK) scheinen folgende „Regeln des Glaubens„10) zu gelten:

  • Je wichtiger eine Aussage ist, umso weniger muss ich sie prüfen.
  • Je weiter eine Aussage von meiner Meinung entfernt ist, umso sorgfältiger muss ich sie prüfen.
  • Eigene Wunder bestätigen das Geheimnis des Glaubens, Wunder anderer Religionen sind Betrug.

Diese „Regeln“ entsprechen leider sehr häufig der Realität und sind sicherlich kein anzustrebender Idealzustand. Eine Aussage, in diesem Fall eine Lehraussage der Kirche, sollte umso gewissenhafter überprüft werden, je wichtiger sie ist. Falls sie nahe an der eigenen Meinung liegt, sollte diese Prüfung mit Bedacht erfolgen. Die inneren Widerstände sind besonders groß, wenn außer der Kirchenlehre auch das persönliche Weltbild in Frage gestellt wird. Deshalb ist es gerade dann notwendig, eine gewisse kritische Distanz zu sich selbst herzustellen.

Weiter: Grundsätze

Übersicht

1) Stammapostel Fehr im Video Lebendig wie das Christentum vor 2000 Jahren: „Ich mache mir ernsthaft Gedanken darüber und habe kürzlich extra eine Projektgruppe gegründet, die mir Vorschläge ausarbeiten soll: wie sieht die Zukunft aus? Gehen wir in Richtung Ökumene oder nicht? Ich tendiere für eine Öffnung der Kirche.“ http://waechterstimme.orgfree.com/video.html
2) Stammapostel Fehr zu Pfingsten 1997: „Berechtigte Kritik nehmen wir zu Herzen, unberechtigte zur Kenntnis. Berechtigte Kritik ist konstruktiv und fördert positive Entwicklungen.“ http://waechterstimme.orgfree.com/frundant.html
3) Dieser Hinweis soll kein Pauschalvorwurf an Amtsträger der NAK sein, sondern grundsätzlich die Gefahr der Fremdbestimmung und Fehlleitung verdeutlichen. Kritisches Unterscheiden anhand möglichst verlässlicher Kriterien ist die Voraussetzung dafür, diese Gefahr zu reduzieren.
4) Belege für diese in Ihren Augen möglicherweise gewagte Behauptung folgen weiter unten.
5) Der im Grunde genommen unbiblische Begriff tausendjähriges Friedensreich wird später erörtert.
6) In dubio pro reo – im Zweifelsfall für den Angeklagten. Dieser Grundsatz kann, wenngleich er aus dem Strafprozessrecht stammt und die NAK nicht gerade auf der Anklagebank sitzt, auch hier angewendet werden. Dazu passt eine Aussage von Rudolf Pesch (zit. nach Hubert Frankemölle, Der Jude Jesus und die Ursprünge des Christentums, 2003, S. 15): „Heute muss neu der – nicht nur historisch-methodologisch, sondern auch ethische einzig verantwortbare – Grundsatz herausgestellt werden: In dubio pro traditione.“
7) Chorliederbuch Nr. 156 („Herr dein Wort“); nebenbei bemerkt denkt man als neuapostolischer Christ beim „Wort Gottes“ in erster Linie an die Predigt im Gottesdienst, doch ist diese Verbindung nicht zwangsläufig.
8) Zum Beispiel die Trinitätslehre (zu unverständlich) und die Lehre von der jungfräulichen Geburt Jesu (eine biologische Unmöglichkeit).
9) Sylvia Kranefeld, Sekten – Aufklärung statt Therapie – Ein Blick hinter die Fassade der Neuapostolischen Kirche, 1994 http://waechterstimme.orgfree.com/kranefel.html
10) Volker Dittmar, Häufig gehörte Argumente http://www.dittmar-online.net/uber/hga.html
zielgruppe_anliegen.txt · Zuletzt geändert: 2009-12-11 14:15 von administrator
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